“Die Andere Seite Der Hoffnung”

“Die Andere Seite Der Hoffnung”

Der neue Film unseres Schirmherrn Aki Kaurismäki, “Toivon tuolla puolen” (The Other Side of Hope), hat bei der Berlinale einen silbernen Bären für die beste Regie erhalten. Glückwunsch!

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Nun läuft der Film in über 60 Ländern der Welt.

Filmkritik von rbb, 14.02.2017:

Stille, Hoffnung, Melancholie: Der finnische Spielfilm “The Other Side of Hope” von Aki Kaurismäki folgt einem syrischen Flüchtling durch Helsinki. Es ist trotz einer ordentlichen Prise Humor ein wütender Film geworden, der von einer vergessenen Solidarität träumt. Von Patrick Wellinski
Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki ist der tiefste Melancholiker des Weltkinos. Sein Blick auf die Welt ist einer der Reduktion. Er braucht nicht viel, um ganze Dramen mit wenigen Gesten und Objekten zu inszenieren. Die Welt ist für Kaurismäki ein vergessener Stummfilm. Es bleibt die Hoffnung auf ein wenig Liebe und ein paar Takte Tango. Das ist der Grundrhythmus seiner Bilder und das ist auch der Rhythmus seines neusten Films “The Other Side of Hope”, der eine unglaubliche Bereicherung des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs ist.
Wie schon in seinem letzten und viel beachteten Spielfilm “Le Havre” zeichnet Kaurismäki in seinem neusten Werk die Geschichte eines Flüchtlings nach. Auf einem großen Frachtschiff kommt, versteckt in einem Kohleberg, der syrische Flüchtling Khaled nach Helsinki. Der blinde Passagier orientiert sich in seiner neuen Umgebung und geht dann direkt zur Polizei, um Asyl in Finnland zu beantragen. Gleichzeitig gibt der alte Krawattenhändler Wikström sein Geschäft auf, verlässt seine Frau und investiert sein beim Poker gewonnenes Vermögen in ein heruntergekommenes Restaurant.
Alle um Khaled herum verhalten sich wie Karikaturen
Es vergeht viel Zeit, bis sich die beiden Handlungsstränge in Aki Kaurismäkis Film berühren und eine starke solidarische Einheit bilden. Khaled gerät in die Fänge des Asylsystems. Stoisch, fast gelassen, geht er regelmäßig zu den Befragungen des Asylamts. Getrieben ist dieser Mann vor allem von der Vorstellung, seine Schwester zu finden, die einzige Überlebende seiner Familie. In kleinen Episoden erzählt Kaurismäki von den Mühen des Ankommens in einem zunächst kalten und abweisenden Finnland, in dem es auch zu fremdenfeindlichen Übergriffen kommt. Das hat auch etwas Absurdes und ist nicht selten komisch, weil sich alle um Khaled herum wie Karikaturen verhalten.
Die einzige Ausnahme ist Wikström, der in einer atemberaubenden Zielstrebigkeit sein Leben als Restaurantbesitzer umgestaltet. Er gibt Khaled einen Job, besorgt ihm Papiere. Keine dieser Handlungen wird erklärt. Seine Motivation interessiert Kaurismäki nicht. Khaled arbeitet für Wikström, er gehört zum Team und Teammitgliedern wird geholfen. In dieser Klarheit legt der Film seine Moralphilosophie vor uns aus. Durchbrochen werden die lustigen Restaurantszenen mit Momenten finnischer Bluessänger, die ganz Helsinki zu bevölkern scheinen.
Kaurismäki zeigt eine Welt, die möglich wäre

Kaurismäki erweist sich mit dieser Ruhe und Gelassenheit einmal mehr als Regisseur der einfachen Menschen. Wikström könnte man daher auch als Alter Ego des Regisseurs bezeichnen. Ein unbestechlicher Humanist, der bis zuletzt an die Solidargemeinschaft glaubt. Doch anders als z.B. bei Regiekollege Ken Loach mündet das nicht in einem aktivistischen Aufruf. Kaurismäki zeigt eine Welt, die möglich wäre und das ohne große Anstrengung. Man könnte es Utopie nennen, wenn die Bilder nicht so zart und unschuldig daher kämen. Aber vielleicht ist das der springende Punkt. Humanes Verhalten setzt Kaurismäki bei jedem Einzelnen voraus. Das ist sein Weltbild. Man muss sicherlich niemandem erklären, dass wir diesen stillen Idealismus derzeit nötiger haben, als alles andere.
Fazit: Für alle, die an das Gute in der Welt glauben und die noch ein wenig Hoffnung in sich haben, dass trotz Trump & Co. in unserer Zeit die zwischenmenschliche Solidarität triumphiert. Und für alle, die sich für die sehnsüchtige Melancholie des finnischen Blues erwärmen können.

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